GEWA im Reich der Mitte

GEWA hat in China seit 1994 Joint Ventures gegründet. Das Unternehmen aus Adorf lässt im Reich der Mitte mit deutschem Know-how eine große Bandbreite an Instrumenten und Teilen für das Werk in Adorf und den weltweiten Vertrieb produzieren. GEWA Chef Hans-Peter Messner führte uns durch die Produktion in Tianjin und Wuqiang.

Produkten aus China haftet nach wie vor das Image unzureichender Qualität an. Dass es aber auch anders geht, beweist die Firma GEWA. Dafür hat das Unternehmen aus Adorf zur Produktion mehrere Joint Ventures gegründet. Doch bis die richtigen Standorte gefunden und die nötige Qualität erreicht wurde, war es ein langer Weg. Dies berichtete uns GEWA Eigentümer Hans-Peter Messner bei einem Besuch in zwei der chinesischen Produktionsstätten, an denen GEWA maßgeblich beteiligt ist.

Aller Anfang ist schwer
„Ich bin 1984 das erste Mal nach China gekommen und zehn Jahre sozusagen herumgeirrt“, erinnert sich Messner. „Ich war von Peking bis runter nach Shenzen nahezu überall, wo Pianos, Akkordeons, Taschen, Streichinstrumente oder Blasinstrumente produziert wurden. Und nirgendwo bin ich fündig geworden, weil die Qualität unter aller Kritik war. Ich habe damals tausende Mark für Muster ausgegeben. Wir haben uns in Deutschland – noch in Mittenwald – überlegt, ob es eine Basis gibt, auf der sich aufbauen lässt. Es gab leider keine.“ Für den Startschuss des Engagements von GEWA und Herrn Messner in China half dann der Zufall. In Los Angeles lernte Hans-Peter Messner den chinesischen Ingenieur und Schlagzeuger Bin und seine Frau Isabella kennen. Man kam ins Gespräch über Fußmaschinen von DW, die GEWA damals auch schon vertrieb. Komplette Drum-Sets gab es damals von DW noch nicht. „Bin war begeistert von diesen Fußmaschinen und ich habe ihm dann eine geschenkt. So ist unsere Verbindung entstanden.“ Eine Verbindung, die sich lohnen sollte. Bin besaß einen kleinen Betrieb mit gerade einmal rund 500 Quadratmetern. Das erste Joint Venture war geboren und man produzierte zunächst Drum-Kessel für den chinesischen Markt. „Im nächsten Schritt begannen wir Kessel für Schweizer Guggenmusiker zu produzieren. Sie brauchten billige Kessel, auf denen sie ordentlich rumhauen konnten. Die haben wir für ein paar Dollar pro Stück produziert und auch sehr gut verkauft.“

Das BasiX-Werk
Der erste große Schritt kam mit der Marke BasiX, produziert in einem neuen großen Werk in Tianjin. Die Grundlage hierfür schuf auch der Wissens- und Know-How-Transfer aus Deutschland. Aus seiner Zeit bei Hohner lotste Messner einige Sonor-Mitarbeiter zu GEWA. Viel zum Erfolg der Unternehmung steuerten Stefan Hess, der heute Teil der Geschäftsleitung von Session ist, sowie dessen Vater, der damals als Ingenieur in den Ruhestand ging, bei. Außerdem bewies, so Messner, Bin großes Geschick bei der Konstruktion individueller Fertigungsmaschinen. Laut Messner sind rund zwei Drittel der Maschinen, die GEWA derzeit in China einsetzt, Eigenentwicklungen. „Anfangs waren wir reiner DW-Distributor; DW beginnt ja erst ab einem gewissen Preis. Im Massenbereich, wo Marken wie Pearl oder Mapex stark vertreten waren, hatten wir keine Chance. Mit BasiX konnten wir einfache Schlagzeuge für Produktionskosten von etwa 100 Dollar herstellen. BasiX wurde weltweit verkauft mit mehr als 50.000 Stück im Monat. Dann ging der Markt stark zurück und wurde immer schwieriger.“

Mit im Boot bei diesem Joint Venture saßen neben GEWA und Bin auch Messners langjähriger amerikanischer Geschäftsfreund Jack Westheimer. Nachdem dieser verstarb, hat Messner dessen Anteile an DW verkauft. Für Unmut unter den Joint Venture-Partnern sorgte dann Messners neue Marke DrumCraft, die just zu diesem Zeitpunkt, die von DW lancierte Marke PDP by DW im Wettbewerb berührte. Daran wäre die Partnerschaft fast zerbrochen, wie Messner erklärt. Letztendlich einigten sich die Partner darauf, weltweit die Marke PDP by DW anzubieten und DrumCraft für den großen chinesischen Markt einem der bedeutendsten chinesischen Fachhändler mit Drum Schulen exklusiv zu überlassen. Das war um die Jahrtausendwende. Bis zum heutigen Tag sollte PDP by DW ein großer Erfolg beschieden sein. Im Monat werden rund 2.000 bis 3.000 akustische Schlagzeuge produziert. Durch die DW-Übernahme von Gretsch kamen jährlich noch einmal rund 13.000 Sets dazu.

Das Joint Venture hat über die Jahre sich weitgehend selbst finanziert und verfügt heute über eine beachtliche Eigenkapitalausstattung. Ein „Kleinod“ für DW und GEWA; es werden ca. 400 Personen beschäftigt.

Wuqiang – alle unter einem Dach
Das neuste Kapitel seines Engagements in China hat GEWA mit einem Joint Venture in Wuqiang, rund 250 Kilometer südlich von Peking, aufgeschlagen. Dort soll der Großteil der chinesischen GEWA-Produktion zusammenfinden. Wuqiang in der Hebei-Provinz war eine strukturschwache Gegend. Außer in der Landwirtschaft gab es nicht viele Arbeitsplätze. Die Lokalregierung rief dann ein Entwicklungsgebiet aus und trat mit Bin in Kontakt, um dort eine Musikinstrumenten-Produktion anzusiedeln. „Vor rund sieben Jahren, haben wir uns diese neue ‚Industrial Area‘ angeschaut, die damals noch reine landwirtschaftliche Nutzfläche war“, berichtet Messner. Als das neue Werk mit 90.000 Quadratmetern dann stand, waren es aber zunächst keine Musikinstrumente, die hier produziert wurden. Den Anfang machten Bilderrahmen. Es sollten von Seiten der chinesischen Regierung schnellstmöglich Arbeitsplätze geschaffen werden. Und so kaufte man kurzer Hand CNC-Maschinen und ließ Bilderrahmen anfertigen. „Daraus ist eine richtige Money-Making-Machine geworden“, erfreut sich Messner an dem unerwarteten Produktionsbereich. Gitarren sollten zu den ersten Musikinstrumenten des Werks zählen. Hans-Peter Messner: „Die Produktion von Gitarren ist aufwendiger als die von Bilderrahmen. Die ganze Entwicklung, der Kauf der CNC-Maschinen und diese einzustellen, brauchte Zeit.“ Mittlerweile produziert das Werk monatlich zwischen 2.000 und 3.000 Gitarren. Im unteren Preisbereich von OEM-Instrumenten für Handelsketten werden sogar Kapazitäten von mindestens 15.000 Instrumenten im Werk bewältigt.

Ziel von GEWA ist es nun, nach und nach die Produktionen der anderen GEWA Joint Ventures unter das Dach in Wuqiang zu holen. „Wir haben schon immer den Traum gehabt, dass wir letztendlich alles unter ein Dach bringen und von hier aus die Distribution, insbesondere für China und die Märkte außerhalb Europas, die von Distributoren / Großhändler bearbeitet werden, machen“, so Messner. GEWA produziert bereits die Gehäuse seiner Digitalpianos in Wuqiang, etwa 500 Stück im Monat. „Wir waren schon bei einer Stückzahl von 600, doch das ging zu Lasten der Qualität. Das sind Prozesse, die man anpassen muss“, erklärt Messner.

Geigen aus CNC-Fertigung
Besonders stolz ist Messner auf die Produktion der GEWA Geigen mit CNC-Maschinen und anschließender Handlackierung für den Sch ulinstrumentenbereich: „Es war immer mein Gedanke, dass wir die Fleißarbeit automatisieren, dass wir eine Geige mal so weit bringen, dass wir weitgehend alles über CNC machen können und sie nur noch zusammenbauen müssen. Früher brauchten wir Tage, um einen Boden oder eine Decke einer Geige auszuarbeiten. Als ich bei GEWA eingetreten bin, hat mir der alte Georg Walter noch viel beigebracht. Und er sagte zu mir: ‚Wenn du mal Schulinstrumente machen kannst, die eine Handlackierung haben, dann mach es. Nur Instrumente, offenporig handlackiert, können sich entwickeln und geben jedem Instrument klanglich seine Seele.‘ Seit knapp zwei Jahren können wir in Wuqiang nun die Weißware, bei der jedes Instrument, wie das andere ist, mit CNC produzieren.“ Das Ziel für 2018 sind inklusive Celli und Bässe ca. 20.000 Streichinstrumente. Das Holz für die Instrumentestammt übrigens nicht aus China. Dieses kauft GEWA music in Bosnien und den rumänischen Karpaten und verschifft es nach China.

Den Großteil der GEWA-Taschen schneidert das Unternehmen noch in einem anderen Werk, etwa 15.000 bis 25.000 Stück im Monat. Mit dem Umzug der Taschen-Produktion nach Wuqiang will das Unternehmen auf bis zu 30.000 Taschen pro Monat kommen. Ebenfalls in das neue chinesische GEWA-Hauptwerk soll die Produktion der Blasinstrumentenmarken Bach, Conn, King und Le Blanc geholt werden, die derzeit noch in einem weiteren Beteiligungsunternehmen stattfindet. Nur die Drums werden im BasiX-Werk bleiben. Messner erklärt: „Bei den Schlagzeugen sind wir zu sehr abhängig von der entsprechenden Galvanik. Die haben wir in Wuqiang nicht. Die Wege würden zu weit werden.“

Der Ausbau der GEWA Joint Ventures in China ist also im vollen Gange. Auf der Musikmesse hat GEWA music zusammen mit DW eine Weltneuheit im Bereich der Digitalen Schlagzeuge präsentiert: die GEWA Drum Workstation G9. Diverse Zulieferteile für dieses Projekt, das ansonsten in Adorf entwickelt und hergestellt wird, kommen vom GEWA/DW Joint Venture in China.