50 Jahre Miyazawa - Big in Japan und der Welt

Der japanische Flötenhersteller Miyazawa begeht in diesem Jahr sein 50-jähriges Firmenjubiläum. Wir haben mit Christian Bach, Prokurist der Miyazawa Flutes Europe GmbH, über das Unternehmen gesprochen.

1969 gründete Masashi Miyazawa seine gleichnamige Firma. Sein Traum war es hochwertige Flöten zu bauen und dabei bewährte Instrumentenbautechnik mit moderner Fertigungstechnik zu vereinen. Nichts anderes als der Bau einer Flöte für’s Leben ist der Anspruch des Unternehmens. Dies hat sich auch 50 Jahre später nicht geändert. Anlässlich des runden Jubiläums haben wir mit Christian Bach, Prokurist der Miyazawa Flutes Europe GmbH über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Unternehmens gesprochen.

Was macht das Unternehmen Miyazawa seit einem halben Jahrhundert so erfolgreich?
Christian Bach: Dafür gibt es mehrere unterschiedliche Faktoren. Wir haben immer den Kontakt zu Spitzenmusikern gesucht, um unsere Instrumente stetig neu zu hinterfragen und auf den Prüfstand zu stellen. Selbstverständlich handhaben wir dies bis zum heutigen Tag so. Sich verändernde Klangvorstellungen, andere technische Möglichkeiten, Trendentwicklungen und die Varianten, welche sich aus unterschiedlichen Materialen ergeben, lassen uns immer wieder kritisch auf unsere Instrumente schauen. Kulturell bedingte charakteristische Eigenschaften in Japan sind ein weiterer wichtiger Baustein des Erfolges. Man schätzt eine verlässliche Beständigkeit, lange Partnerschaften und vor allem wird bis ins kleinste Detail so lange daran gearbeitet, bis es wirklich perfekt ist. Das zeichnet Miyazawa im Besonderen aus.
Ebenfalls sehr entscheidend ist der Enthusiasmus und die gelebte Leidenschaft für den Flötenbau. In allererster Linie ist hier sicher Masashi Miyazawa zu nennen. Harte Arbeit über Jahrzehnte hinweg ist garantiert die wichtigste Komponente des Erfolges. Ohne die Unterstützung unserer Händler jedoch würde es uns in dieser Form nicht geben. Unsere engagierten Händler stehen jeden Tag im Geschäft und beraten mit Fachkompetenz, Passion und Liebe zum Detail jeden interessierten Kunden. An dieser Stelle gilt es, ein großes Dankeschön auszusprechen.

Wie würden Sie die Firmenkultur bei Miyazawa beschreiben?
Christian Bach: Miyazawa steht für höchsten qualitativen Anspruch in jedem Detail. Seien es das Etui, die Tasche oder eben die mechanischen Einzelheiten bei der Produktion der Querflöten. Diese Ansprüche, in Kombination mit dem unbedingten Willen, es so perfekt wie möglich zu machen, waren vor 50 Jahren die Hauptgründe für die Firmengründung. Außerdem herrscht in unserer Firma ein respektvoller Umgang mit jedem einzelnen Mitarbeiter. Wir sind uns bewusst, dass es ein 50-jähriges Firmenjubiläum ohne gute Mitarbeiter und den fairen Umgang untereinander nicht gegeben hätte. Da sind wir vielen Menschen zu Dank verpflichtet.

In wie weit ist Gründer Masashi Miyazawa noch in sein Unternehmen involviert?
Christian Bach: Masashi Miyazawa ist Ehrenpräsident und auch heute immer noch die gute Seele in vielen Situationen. Wenn man mit ihm in der Fabrik unterwegs ist, spürt man den Respekt der Mitarbeiter ihm gegenüber in jeder kleinen Situation. Er ist der Gründer unserer Firma und bis heute auch in Sachen Produktion und Produktentwicklung der erste Ansprechpartner. Das operative Geschäft obliegt seit mehr als zehn Jahren seinem Sohn, unserem Präsidenten, Kazunari Miyazawa, in dessen Händen alle Fäden zusammenlaufen. Er ist in der ganzen Welt unterwegs, um auf Messen, Festivals und anderen Veranstaltungen über die Instrumente seiner Firma zu sprechen und um die Feinheiten und Bedürfnisse der einzelnen Märkte betreffend auf dem Laufenden zu bleiben.

Was waren die Meilensteine der 50-jährigen Firmengeschichte?
Christian Bach: Der Beginn im Jahr 1969 legte den Grundstein unserer Firma. Mitte der Siebziger Jahre wurde gemeinsam mit P. L. West eine Flötenserie speziell für den Nordamerikanischen Markt entwickelt, welche großen Erfolg hatte. Einen sehr großen Meilenstein konnten wir im Jahr 2005 verzeichnen. Die Einführung und Patentierung des Brögger Systems und der Brögger Daumenklappe hat eine ganz neue Ära des Flötenbaus für uns eingeleitet. 2013 konnten wir eine Schülerflöten-Serie auf dem internationalen Markt vorstellen. Auch dies war ein großer Schritt. Im Jahr 2017 gründeten wir die Firma Miyazawa Flutes Europe GmbH. Dies ist die erste Tochterfirma der japanischen Mutterfirma Miyazawa Flutes MFG., Co., LTD..

Was waren die schwierigsten Zeiten in der Firmenhistorie?

Christian Bach: Jedes Jahr und jedes Jahrzehnt hat seine eigenen Herausforderungen, Probleme und Chancen. Natürlich ist es nicht immer einfach dem Markt gerecht zu werden. Auch Faktoren, welche wir nicht oder nur wenig beeinflussen können, haben manchmal die ein oder andere unangenehme Überraschung zur Folge. Dies können Probleme bei der Rohstoffbeschaffung sein, Qualitätsschwankungen bei unseren Taschen- oder Etui-Herstellern. Aber auch politische Situationen, zum Beispiel die Öffnung der Osteuropäischen Länder in den 1990er Jahren oder aktuell der Brexit, stellen uns vor einige Herausforderungen. Als global operierendes Unternehmen sind aber auch Themen wie Zölle oder die rechtlichen Rahmenbedingungen immer wieder Themen, welche uns vor neue Aufgaben stellen.

Was zeichnet die Flöten von Miyazawa im Allgemeinen aus?
Christian Bach: Die von und für Miyazawa patentierte Brögger System Mechanik und Brögger Daumenklappe sind hier als erstes zu nennen. Johann Brögger hat die erste Generation dieser Mechanik bereits in den Achtzigern entwickelt. Nach Überarbeitung und Weiterentwicklung durch Herrn Brögger und Herrn Miyazawa wurde die Mechanik und die spezielle Daumenklappe Anfang der 2000er dann zum Patent angemeldet. Die Mechanik der rechten und linken Hand ist hierbei stiftlos. Dadurch ergibt sich ein deutlich einfacheres Handling bei einer Reparatur. Die Brögger Brücke, welche die Bewegung der Achse komplett übernimmt, stellt eine sehr stabile und funktionelle Alternative zur herkömmlichen Mechanik dar. Hierbei ist der wichtigste Faktor das Spielgefühl, welches von vielen Flötistinnen und Flötisten als sehr direkt und angenehm empfunden wird. Als Musiker kann ich mich dadurch voll und ganz auf das Wesentliche konzentrieren.
Die Partial Brögger (PB)-Modelle verfügen über die Brögger-System-Mechanik in Kombination mit der Standard-Daumenklappe. Die Modelle mit der Bezeichnung BR besitzen die komplette Brögger-Ausstattung. Neben der Brögger System Mechanik ist hier nun auch die spezielle Brögger-Daumenklappe verarbeitet.Die Brögger-Daumenklappe zeichnet sich durch einen veränderten Winkel der Achse aus. Dadurch wird die Achse deutlich länger. Der Druckpunkt der Daumenklappe ist somit ergonomischer und angenehmer gelagert. Außerdem erlaubt diese Bauform der Daumenklappe den Einsatz von Nadelfedern statt der an dieser Stelle üblichen Blattfeder. Dies ermöglicht die Justierung der Federstärken der Daumenklappen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist unsere Materialauswahl. Ab der Silberrohrkategorie bieten wir unsere Instrumente immer in drei verschiedenen Silberarten an. Hierbei ist das 925er Sterling Silber das bekannteste. 958er Britannia Silber und 980er Silber runden das Trio ab. Jedes Silber hat seine eigenen klanglichen Eigenschaften. Das unterschiedliche Schwingungsverhalten der einzelnen Materialien bietet die Chance, dass jeder Spieler reichhaltige Möglichkeiten bekommt, den für sie oder ihn perfekten Klang zu finden.
Ebenfalls zu nennen ist unsere Auswahl an verschiedenen Kopfstücken. Vier Grundmodelle können in verschiedenen Silberarten und mit verschiedenen Optionen dazu genutzt werden, für sich die perfekte Kombination aus Spieler, Flöte und Kopfstück zu finden. Hier ist ein Test im Fachgeschäft unumgänglich.

Wo lässt Miyazawa fertigen und warum? Wie viele Instrumente werden pro Jahr produziert?
Christian Bach: Unsere Produktion befindet sich in Iijima. Von Tokyo aus fährt man mit dem Auto ca. 2,5 Stunden in nordwestlicher Richtung bis in die Präfektur Nagano. Seit 2011 befindet sich unsere Produktion im ca. 10.000 Einwohner fassenden Iijima, eingerahmt in eine malerische Berglandschaft. Bis 2011 befand sich unsere Produktion in Asaka, einem Stadtteil von Tokyo. Die aufgrund der Weltwirtschaftskrise zu dieser Zeit explodierenden Preise, machten einen Umzug unumgänglich. Glücklicherweise konnten wir mehr als 90 Prozent unserer Mitarbeiter in der Produktion auch am neuen Standort halten. Wir produzieren komplett in Japan, weil wir nur dort die Präzision und Perfektion umsetzen können, die wir uns für unsere Querflöten vorstellen. Außerdem ist Miyazawa ein Familienunternehmen, welches in Japan, in Tokyo und auch in Iijima seit Jahrzehnten fest verankert ist. 2018 haben wir 2000 Querflöten in Japan produziert. Für 2019 ist eine weitere Steigerung der Produktion um ca. 200 bis 250 Instrumente geplant.
Seit 2013 haben wir eine Schülerflöten-Serie auf dem Markt etabliert. Nun kann also auch ein Anfänger oder ein Musiker mit kleinerem Budget eine Miyazawa-Flöte spielen. Diese Instrumente aus der MJ Serie werden in einem Werk in China gefertigt, welches sehr eng von Masashi Miyazawa kontrolliert wird. Auch hier ist unser Ehrenpräsident noch eine wichtige Stütze für unsere Firma. Hier produzierten wir 2018 ca. 1.500 Instrumente. Auch hier ist die Zahl deutlich steigend.

Welche Modelle sind Ihre Topseller?
Christian Bach: Unser Topseller ist das Modell PB-202. Hierbei handelt sich um eine handgemachte Querflöte mit Silberkopfstück. Standardmäßig ist dieses Instrument mit einem 925er Sterling Silberkopfstück ausgestattet. Mit der Partial Brögger (PB)-Mechanik kommt man in den Genuss der Brögger-System-Mechanik und all ihrer Vorteile. Unsere meistverkaufte Querflöte gibt es bei den Miyazawa-Händlern in einigen Varianten. Zum Beispiel mit anderen Kopfstücken, einem anderen Silber im Kopfstück und weiteren interessanten Möglichkeiten. Mit C-Fuß liegt dieses Modell bei 3.333 Euro mit H-Fuß bei 3.799 Euro. Sonderkonfigurationen weichen hiervon preislich natürlich ab.

Welche Aktionen und Sondermodelle sind zum Jubiläum geplant?

Christian Bach: Auf Basis der handgemachten PB-202 gibt es im Jubiläumsjahr eine Ausführung mit MX-1 Kopfstück anstelle des Standard Kopfes MZ-10. Dieser ist in 958er Britannia Silber und hebt sich durch einen anderen Schnitt des Mundloches ab. Außerdem haben wir dem Jubiläumsmodell einen 9kt Massiv Gold Mundlochkamin spendiert. Die Platte, welche sich im Kopfstückinneren vor dem Korken befindet, nennt man Reflektor. Dieser ist bei unserem Sondermodell ebenfalls aus 9kt Massiv Gold.
Eine Handgravur der Mundlochplatte rundet das Sondermodell ab. Erhältlich ist es in limitierter Stückzahl mit C-Fuß und H-Fuß. Mitte des Jahres werden wir noch eine handgemachte Vollsilberflöte mit gelöteten Tonlöchern vorstellen. Massiv Gold Tonlochkamine, Mundlochplatte, Mundlochkamin, Reflektor und Krone werden wie neben der besonderen handgefertigten Gravur der Klappen diese ganz besondere Flöte ausmachen.

In wie weit haben sich Wünsche und Anforderungen der Flötisten in den letzten Jahren geändert?
Christian Bach: Die Wünsche und Anforderungen der Flötistinnen und Flötisten unterliegen einem stetigen Wandel. Mal ist der vollere Klang, mal eher der obertonreichere Klang gewünscht. Auch die Wahl der Details ändert sich immer mal wieder. Wo man früher sehr viel C-Fuß Instrumente mit geschlossenen Klappen gespielt hat, ist es heute, ab einer bestimmten Preiskategorie, fast ausschließlich das Instrument mit Ringklappen und H-Fuß. Die Wahl der Polster ist ein weiteres Beispiel. Im Bereich der Vollsilber- und Goldflöten war es vor fünf bis zehn Jahren noch Standard Straubinger Polster zu nehmen. Dies ist heute nicht mehr in allen Fällen gewünscht.

Seit 2017 gibt es die Miyazawa Flutes Europe GmbH, für die Sie verantwortlich sind. Warum ging das japanische Unternehmen diesen Schritt?

Christian Bach: Im Jahr 2016 konnte, durch interne Umstrukturierung beim ehemaligen Vertriebspartner in Deutschland, der Vertrieb von Miyazawa Querflöten nicht mehr weitergeführt werden. Dies hat Miyazawa mit der Frage konfrontiert wie es weiter gehen kann. Anderer Vertrieb? Anderes Konzept? Nach genauer Prüfung der Situation im europäischen Markt hat man sich zu dem Schritt der Gründung einer Tochterfirma entschlossen. Die speziellen Herausforderungen des Mikrokosmos Europa waren aus dem fernen Japan ohnehin nur noch schwierig zu durchschauen. Mit einer Tochterfirma vor Ort können wir den vielen spezifischen Eigenschaften der einzelnen europäischen Länder deutlich besser gerecht werden. Eine Lagerhaltung in Deutschland ermöglicht uns eine einfachere und schnellere Unterstützung unse rer Vertriebe in den verschiedenen Ländern Europas. Die Präsentation auf Festivals, Masterclasses und die Betreuung unserer Miyazawa Artists sind somit effektiver zu bewältigen. Außerdem kümmern wir uns um den Markt in Österreich und Deutschland direkt. Hierbei handelt es sich um eine absolute Ausnahme und Sonderstellung aufgrund des Vertriebswechsels. Dies ermöglicht uns allerdings auch einen direkten Kontakt zu Händlern und Flötistinnen und Flötisten. Direktes Feedback zu bekommen, gibt uns die Chance unsere Instrumente stets kritisch zu hinterfragen. In allen anderen Ländern Europas arbeiten wir eng und vertrauensvoll mit den dort ansässigen Vertrieben zusammen. Dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

Wie viel japanische Firmenkultur herrscht in den Geschäftsräumen in Diespeck?
Christian Bach: Einen kleinen Einblick in die japanische Detailverliebtheit findet man auch hier wieder. In meiner Arbeit mit Händlern, Großhändlern und Endkunden ist mir eines sehr wichtig zu vermitteln: Sie bekommen individuelle Antworten und Lösungen, entsprechend Ihrer Anforderungen und Wünschen. Das Pflegen von langjährigen Partnerschaften liegt uns am Herzen. Dies war schon immer meine Arbeitsweise und diese kann ich auch bei Miyazawa Flutes Europe mit einbringen. Das ist klasse.

In wie weit unterscheidet sich der europäische Flötenmarkt von anderen auf dieser Welt?

Christian Bach: Jeder Markt, auch innerhalb Europas, hat seine Besonderheiten. Dies hängt jeweils von verschiedenen Faktoren ab. Beispielsweise der kulturellen- und Einkommensstruktur der einzelnen Länder, sowie der Ausbildung der Musiker. Technische Modifikationen können hier auch einen Unterschied ausmachen. In Frankreich werden Querflöten fast ausschließlich ohne E-Mechanik gespielt. Dies wäre in Deutschland undenkbar. Von daher ist der europäische Markt in sich schon ziemlich unterschiedlich. Außereuropäisch ist dies vergleichbar.

Welches sind die stärksten Märkte und Segmente von Miyazawa?

Christian Bach: Der wichtigste Markt für Miyazawa ist der heimische in Japan. Dort ist man schon viele Jahrzehnte sehr präsent. An zweiter Stelle ist, vor dem europäischen, der Markt in Nordamerika zu nennen, denn die Expansion in die USA hat man bereits früh in den Fokus gerückt. Innerhalb Europas ist der Markt in Großbritannien knapp vor dem in Deutschland. Danach kommen Italien und Frankreich auf Platz drei. Miyazawa ist sehr stark im Preisbereich von 2.500 bis 5.000 Euro. Dort wird der größte Teil des Umsatzes generiert.

Welche Ziele hat sich Miyazawa für die Zukunft gesetzt?

Christian Bach: Wir haben seit Jahren eine kontinuierliche Steigerung unserer Produktionszahlen erreichen können. Allein 2018 konnten 10 Prozent mehr Querflöten hergestellt werden als noch 2017. Wir arbeiten hart daran, diesen Weg weiter gehen zu können. Ein gesundes, konstantes und organisches Wachstum ist unser Ziel. Außerdem beschäftigen wir uns mit der Frage nach dem nächsten Schritt. Die Einführung der Brögger Mechanik 2005 und der neuen MX Kopfstücke im Jahr 2014 waren die letzten großen Meilensteine. Wir arbeiten an den nächsten Ideen und Konzepten. Vielleicht können wir in unserem Jubiläumsjahr schon etwas Neues präsentieren.